Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Der Kreml-treue russische 1. Kanal ging mit der Hochspannung um den Wahlausgang in den USA auf seine Weise um: Die 18-Uhr-Nachrichten des Fernsehsenders begannen nicht mit einer Schaltung in die USA, sondern einem Bericht über ein Treffen Putins mit Italiens Regierungs-Chef Berlusconi. Bei der Gelegenheit gratulierte der russische Präsident seinem Wahlfavoriten Bush aber schon einmal unter Vorbehalt.
„Wenn Bush wiedergewählt wird, gratulieren wir ihm und freuen uns, dass der Dreck, mit dem er beschmiert wurde, nicht an ihm hängen geblieben ist“, sagte Putin. Grundsätzlich wolle er aber erst das offizielle Wahlergebnis abwarten.
Noch mehr Anlass zur Freude gäbe ein Wahlsieg Bushs laut Putin aber aus anderem Grund: Er sieht darin eine Art Sieg über den internationalen Terrorismus - und Ben Laden im Speziellen: „Wenn Bush tatsächlich gewonnen hat, so kann man sich nur freuen, dass das amerikanische Volk sich nicht hat einschüchtern lassen“, so Putin.
Putin: Bush wählen heißt Terrorismus bekämpfen
Der kürzlich erfolgte TV-Auftritt Ben Ladens habe ihn nur in seiner schon früher geäußerten Überzeugung gestärkt, dass der internationale Terrorismus sich zum Ziel gesetzt hatte, eine Wiederwahl Bushs zu verhindern, so Putin. Da es auch zu einer seiner persönlichen Maximen gehört, gegenüber Terroristen – im Falle Russlands die tschetschenischen Separatisten – Unbeugsamkeit zu beweisen, wäre eine Abwahl Bushs nach Putins Logik ein Sieg der radikalen Islamisten und des Bomben legenden Widerstands im Irak.
Der gemeinsame Kampf gegen den Terror ist eine der Geschäftsgrundlagen, auf denen die relativ entspannten Beziehungen zwischen den beiden Atom-Großmächten gegenwärtig aufbauen. Das Verhältnis der USA zu Russlands habe sich in den letzten vier Jahren „wesentlich verbessert“, so Putin, wenn gleich es natürlich immer wieder einmal zu Problemen komme.
Verlängerung oder Neustart?
Mit John Kerry als Chef im Weißen Haus sei, so deutete Putin an, die Wahrscheinlichkeit höher, dass man dabei wieder „von der Mitte des Spielfelds aus beginnen“ müsse. Und wie so ein Match aussehen könnte, daran erinnerte Putin bei der Gelegenheit auch: „Als Bush seine erste Amtszeit antrat, wurden aus den USA 50 russische Diplomaten unter dem Vorwurf fachfremder Aktivitäten ausgewiesen. Und wir haben, wie es sich gehört, als Antwort ein paar Dutzend Amerikaner nach Hause geschickt.“
Während sich bei einer Hörerbefragung des unabhängigen Radiosenders „Echo Moskaus“ 83 Prozent des Auditoriums für Kerry als US-Wunschpräsidenten aussprachen, sehen Experten im Falle dessen Wahlsiegs harte Zeiten auf Russland zukommen: Die USA würden dann schonungslos Vorbehalte wegen humanitärer Fragen und der Demokratieentwicklung gegen Russland vorbringen, so Sergej Osnobischtschjow, Direktor des Institutes für strategische Einschätzungen.
Und schlimmer noch: „Ein Abzug des US-Kontingents aus dem Irak würde die Region dort stabilisieren. Auch der Ölexport stabilisiert sich dann und die Preise dafür fallen - was der russischen Wirtschaft ernsthafte Schwierigkeiten bringen wird“, erklärte Osnobischtschjow. Für die russische Führung gibt es also nicht nur prinzipielle, sondern auch handfeste finanzielle Argumente, warum der mutmaßliche Wahlsieger George Bush der für Russland genehmere US-Präsident ist.
(ld/.rufo)
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